...and the daylight freezes when I think of It.

Anjulia



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Die Welt von Gestern

Ich lese gerade Stefan Zweigs Die Welt von Gestern.

Ich bin beeindruckt von diesem Buch, so, dass ich es nicht in angemessene Worte fassen kann. Es ist klar, Zweigs schriftstellerische Eleganz haben schon einige vor mir bewundert. Aber was ich aus diesem Buch lerne, die Epoche Zweigs sowie sein Leben betreffend, und gleichzeitig über die Sprache selbst, ist mir einen Kommentar wert.

Zweig beginnt sein Buch so wie sein Leben, unerfahren und rein an Lebensenergie. Die Vorstellungen seiner Jugend und sein Idealismus bewegen mich auf dieselbe ergreifende Weise, wie der Schriftsteller davon erzählt. Man folgt seinen Handlungen und Gedanken schnell wie den eigenen. Wenn man selbst schreibt, und versucht, der Ästhetik der Worte gerecht zu werden, so reißt einen der Ehrgeiz des jungen Zweig mit.

Die Werke der Dichter, die er anbetet, sind mir unbekannt, trotzdem kann ich mir ausmalen, wie ihre vielleicht selbst unvollkommenen Arbeiten den jungen Autor begeistern. Er bewundert sie mit derselben Energie, mit der ich ein Musikstück bestaune, auch wenn es vielleicht nicht allzu außergewöhnlich ist. Für mich ist es jedoch neu, aufregend, und in sich vollkommen. So wie Zweig Hofmannsthal glorifiziert, so mache ich vielleicht mein gerade aktuelles Lieblingslied mit der selben Energie zum Ideal.
Trotzdem Zweig seine eigene Jugend im Mantel der Unschuld beschreibt, wirkt seine Erfahrung in die Erzählung ein. Er schildert die damalige Zeit vorstellbar, so jugendfeindlich, wie sie für ihn gewirkt haben muss. Die Angst der Älteren vor der Energie, der Spontaneität der Heranwachsenden erklärt er jedoch mit dem Wissen des Überlebenden, der im Nachhinein die Gesellschaft kritisch durchleuchtet. 
Die Flucht der Jugend in eine eigene Welt voll abstrakter Schönheit und Vollkommenheit ist darum ebenso verständlich, sie wirkt so natürlich, als hätte man selbst diese Zeit erlebt. Während die einen die Musik verherrlichen, widmen sich die anderen der Dichtung, doch egal welche Passion, man muss der realen Welt entfliehen.

Und man wird sich bewusst, wem geht es heute anders? Wer braucht nicht in diesem Leben einen Fluchtpunkt, eine Bahn, durch welche die beschränkte, gefangene Energie auf ein Ziel konzentriert werden kann?
Ob ich die Musik wähle, oder das Schreiben, oder das Zeichnen, fast jede Kunst wirkt als Befreiung von den Grenzen des Alltags.

Nun hat Zweig also die Schule hinter sich gebracht und die geregelten Tage abgesessen. Er wagt einige Schritte hinaus ins Licht der freien Welt, und ihre Anziehungskraft wird so stark, dass der Sog ihn nicht mehr loslässt.
Der junge Schriftsteller, der sich selbst als solcher noch nicht sieht, geht hinaus und lässt das Treiben auf sich wirken. Unter dem Deckmantel eines Philosophiestudiums zieht er durch Europa und erlebt die verschiedenen Kulturszenen, er trifft Künstler und Dichter aus den größten Städten mit dem weitesten Ruf.
Er selbst hat schon ein wenig publiziert und trotzdem verschlägt es ihm jedes Mal die Sprache, wenn er Rilke oder Hofmannsthal oder einen anderen der großen Vorbilder trifft. Er sieht, hört, staunt und die geballte Kraft und Energie der Welt wirkt auf ihn ein.
Und dieses Gefühl ist es, das jeder erleben sollte. Neue Standpunkte trifft man mit neuen Leuten; in jeder fremden Stadt, in der man verweilt, erlangt man genug Eindrücke, um ein Leben lang davon zu erzählen. Und die Menschen, die man womöglich ein Stück begleiten darf, wird man nie vergessen.

Doch auch diese Weite an neuem Wissen, an neuen Erfahrungen, muss ein Ende haben, um sie zu verarbeiten. Als Zweig nach Wien zurückkehrt, besitzt er eine reiche Fülle an Erlebnissen und hat viel gelernt, um sein eigenes Werk zu beginnen.
Wie man sich fühlt als erst teilweise gereifter Künstler, ich kann es nachvollziehen. Doch er, der er so viel mehr gesehen hat, muss auch so viel eher sein eigenes Unvermögen einsehen. Ich kann mich mit weniger vergleichen als Zweig, der die Besten kennen gelernt hat.
Und nun sitzt er in Wien und soll in ihre Fußstapfen treten. Vor einem leeren Blatt fällt einem wohl bald etwas ein. Aber was, und wie wenig vollkommen kommt es ihm vor? Die erste Kritik ist die schwierigste, mit den kleinen Aufsätzen vor seinen Reisen ist dies nicht zu vergleichen. Ich selbst warte noch darauf, wie der erste Leser persönlich über mein Schreiben urteilt, und das Urteil kann für mich Himmel oder Vernichtung bedeuten.

Doch bei Zweig sorgen das Talent, das er wohl besitzt, in Gemeinschaft mit dem Gelernten dafür, dass seine ersten zaghaften Versuche ihr verdientes Gehör finden. Sobald er sicher genug ist, ihr Lob wert zu sein, publiziert Zweig und wird mit angemessener Würdigung belohnt.

Der junge Autor baut sich nun langsam ein Leben auf, eine Karriere, ein weites Freundesnetz aus den Kontakten seiner Reisen. Er ist erwachsen geworden, sowohl menschlich als auch literarisch und Fans sowie Kritik würdigen sein Werk. Mit mehr Erfahrung wächst sein Weitblick und bald entwickelt sich Zweigs junge, impressionistische, idealistische Kunst zu einer praktischen, weltlichen mit Weitblick.
Doch erst der Beginn des Weltkriegs 1914 fordert Zweigs politische Ader. Zweig hatte es geahnt, doch nicht wahrhaben wollen, dass die diplomatischen Feindseligkeiten im Hintergrund und kleineren politischen Konflikte tatsächlich durch den Krieg europäische Realität werden sollten. Nun ist der junge Schriftsteller losgerissen von der kosmopolitischen Welt, in welcher er zuvor verkehrte. Abgeschnitten von seinen Freunden, ist er in einem aufgehetzten Österreich gefangen. Kriegerisch sprechen alle nur noch vom Feind in fremden Ländern. Der Hass gegen alles nicht Österreichische, nicht Deutsche greift auch auf seine Autorenkollegen über.

Die ergreifende, und doch klare Weise, in der Zweig von diesen Tagen erzählt, lassen einen fühlen, wie der plötzliche Verlust von Menschlichkeit und Toleranz in seiner Welt ihn bestürzte. Man versucht sich zu erklären, wie ein Land, ganze Völker verblendet werden konnten von der Propaganda der Kriegstreibenden. Alle wünschten den Krieg, doch wer wollte ihn wirklich? Es scheint unmöglich, dass so etwas heute geschieht, denkt man. Doch was anderes ist Tatsache in den Vereinigten Staaten, wo der Kampf gegen den Terror Massen bewegt(e?), die ihn zuvor nicht fürchteten?

Zweig jedenfalls konnte nicht glauben was seinen Freunden, seinen Geistesgefährten geschah. Zuvor noch Humanität und Frieden gefordert, dichteten sie nun Hassgedichte auf die Franzosen, auf die Belgier, den Feind. Er selbst versuchte, zwar hoffnungslos halbherzig, diese zu bekehren. Mit seiner so wenig radikalen, so wenig reißerischen Meinung gegen den Krieg war er aber erfolglos. Zwar unternahm er einige Versuche, Kontakt mit anderen Pazifisten Europas aufzunehmen, doch erreichte er nicht sein Ziel. Auch war Zweig sich bewusst, den Krieg würde er nicht stoppen können.
Als unter Erwartung von Protest sein Antikriegsdrama „Jeremias“ erschien, war der Großteil der Bevölkerung jedoch bereits entgeistert vom Krieg. Das Leid, das dieser notwendigerweise mit sich brachte, hatte sie enttäuscht. Auch hatte er keine erwarteten Verbesserungen gebracht, im Gegenteil: Österreich war verstümmelt, sowohl die Menschen als auch die Grenze. Niemand hielt es für lebensfähig, doch es musste existieren. Die Siegermächte verboten den Anschluss an Deutschland, dessen Ausbleiben zu dieser Zeit ein Grund wohl für die schwache Gegenwehr zwanzig Jahre später.

Diesen Krieg hatte Zweig ohne Schwierigkeiten überlebt. Er schilderte ihn als eine Zeit, in der Intellektuelle noch Einfluss hatten. Propaganda war ihnen fremd und die Menschen glaubten an das geschriebene Wort, an die geistige Freiheit der Schriftsteller. Noch wollte jeder gebildet und gut sein. Der Krieg selbst war den Politikern sogar peinlich, die zuvor Humanität und menschlichen Bruderschaft gerufen hatten.

Dies unterschied ihn von dem Krieg der kommen sollte. Mit Weitblick beschrieb Zweig die Entwicklung der Menschen, der öffentlichen Meinung, der Einstellung einer ganzen Generation. Zuvor war die Gesellschaft im Glauben an den Kaiser, an Beständigkeit, and Sicherheit friedlich aufgewachsen. Diese hatte sich verändert zu einer Menschheit, die vor allem Misstrauen hatte: gegen die Politiker, die Obrigkeit, Sicherheit, den Krieg Bahnfahrzeiten und ein geregeltes Leben. Darum standen die ersten Jahre der Nachkriegszeit im Zeichen der Revolution, des Protestes, der Reaktion. Alles veränderte sich ins radikale, sowohl Kunst als auch Politik. Zweig, der in beiden lebte und alles miterlebte, schilderte diese Radikalisierung objektiv. Er anerkannte die reinigende Wirkung, welche die Lossagung von allem Althergebrachten, Traditionellen hatte. Doch er erkannte bereits die Gefahr, die in einer so polarisierenden Lebenseinstellung lag.

 

 

Weiter bin ich leider noch nicht gekommen - doch Fortsetzung folgt.

28.2.05 17:13
 


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