...and the daylight freezes when I think of It.

Anjulia



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It just takes some time, little girl
You're in the middle of the ride
Everything, everything will be just fine
Everything, everything will be all right, all right




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VERSPIELT.

Sara öffnete die Augen. Die Sonne strahlte hell in das Zimmer und blendete sie. Sara machte ihre Augen wieder zu. Es war noch früh.

Manche Menschen konnten am Stand der Sonne die Uhrzeit feststellen. Sie gehörte nicht dazu. Müde drehte Sara sich auf die Seite und neigte ihren Wecker, sodass sie die Uhrzeit erkennen konnte. 7:08. Stöhnend fiel die junge Frau in ihre Kissen zurück. Ruhige Nächte waren selten. Diese waren dann jedoch meist recht kurz. An wieder einschlafen war nicht zu denken.
Sie blinzelte den Sonnenstrahlen entgegen, die durch ihre Rolläden fielen. Es war seltsam. Die Meteorologen hatten einen regnerischen, windigen Tag vorhergesagt.


Sara schälte sich aus der Bettdecke. Setzte sich auf. Wo waren ihre Jeans? Sie fischte sie mit einer Hand vom Boden und legte sie neben sich aufs Bett. Unterwäsche. Die frisch gewaschene befand sich noch im Wäschekorb im Wohnzimmer. Sara seufzte wieder. Sie seufzte in letzter Zeit viel, morgens. Sich in ihrem Nachthemd ins Wohnzimmer schiebend kam sich Sara wie eine Fremde in der eigenen Wohnung vor. Kalt war ihr auch noch. Und das in dieser Stadt, in der es auch nachts niemals unter 15 Grad hatte. Wahrscheinlich war sie der einzige Mensch, der hier fror. Wenn auch nur nach dem Aufstehen. Morgens. Das war ebenfalls früher anders gewesen.
Am Rückweg rieb sie ihre Hände, um sie zu wärmen.
Endlich fertig angezogen setzte sie sich mit einer Tasse heißen Kaffees an ihren Schreibtisch. Ihre Pulloverärmel hatte sie über die Hände gezogen, um die Hitze des Getränks nicht unangenehm zu spüren.
Durch die offene Balkontür sah sie den sich verändernden Himmel. Sturmzerrissene Wolken bedeckten ihn nun, doch durch die Grautöne schimmerten noch einzelne blaue Flächen hervor. Sie suchte die Sonne. Hinter einem höheren Gebäude war ihr Schein nur zu erahnen. Die Morgenluft war kühl, aber warm genug, es ihr zu erlauben, ohne Jacke dazusitzen. Sara trank ihren Kaffee.


Eine Stunde später war die junge Frau in ihrem Element. Sie lief durch die Straßen, heute im Westen der Stadt. Unerwartet waren die Wolken wieder aufgebrochen. Eigentlich müsste sie froh darüber sein, es erleichterte die Arbeit. Doch wie selten waren schon kühlere Tage, auch wenn man an ihnen auf die Sonne verzichten musste. Später würde sie ihre dünne Jacke wohl nicht mehr brauchen. Die Mütze, die sie trug war hingegen unerlässlich. Die Gefahr der Hitze war zu groß, wenn sie so viele Stunden draußen verbrachte.
Sara sprang über die Absperrung. Die alten Holzbretter drohten unter ihren stützenden Händen zu brechen, die Farbsplitter der alten weiß-roten Markierung rieselten von den Handflächen als sie in das Grundstück hineinging. Der Boden unter Saras Füßen knirschte, obwohl der weiße Schotter schon von Unkraut durchwachsen war, konnte man noch erkennen, dass hier Menschen versucht hatten, die Natur fernzuhalten. Die angrenzenden Grundstücke waren verbaut, hauptsächlich kahler Beton und graue Steinflächen. Zwischen den Bauelementen wirkten die braunen und grünen trockenen Gewächse wie ein Urwald. Man glaubte gar nicht, was in dieser monotonen Gegend an interessanten Plätzen existierte. Doch für solche Orte hatte sie ein Gefühl.
Das war es, was sie vor allem so sehr ansprach. Dieser Wiederspruch. Alltag, weit unten, auf der Straße. Oben, eine andere Welt. Welche eine Zwiespältigkeit beinhaltete, die festzuhalten und zu begreifen schon immer einen besonderen Reiz auf die junge Frau ausgeübt hatte. Kein anderer hätte auf dem Dach des alten Krankenhauses eine so perfekte Stelle erwartet.


Sara kniete sich hin und widmete sich mit allen Sinnen ihrer Aufgabe. Das Licht war wichtig, und der Wind. Sogar die Geräusche waren für sie von Bedeutung. Andere mochten es für lächerlich halten, den Ton zu berücksichtigen. Für sie jedoch beeinflusste jedoch sogar der vom Verkehr weit unten herauftönende Lärm jeden einzelnen Schritt. Ein Vogel flog vorbei. Er nutzte eine Böe, um sich noch höher tragen zu lassen. „Ich kann dir nicht folgen.“ Sie flüsterte und lächelte traurig. Obwohl er sie bestimmt in ein Reich mitgenommen hätte, das sogar ihre urbane Wunderwelt der Dächer und Betongrundstücke verblassen ließe.

Die Straße war beinahe leer. Außer alten, teilweise verwrackten, Autos, die kaum je benutzt wurden, waren nur Fahrer unterwegs, die den Stadtteil nur durchquerten. Die wenigen Fußgänger waren wie sie wohl an keinem Menschenkontakt interessiert. Die Gegend bestand hauptsächlich aus alten Mietshäusern, in denen längs keiner mehr wohnte. Oder zumindest gab es niemanden, der dafür Miete verlangt hätte. Der andere Teil bestand aus leeren Fabriken, oder hier und da bewohnten Gebäuden, die jedoch nicht sehr lebendig aussahen. Wenn die Sonne nun immer öfter zwischen den Wolken hervorschien, machte sie alles rötlich oder orange, der aufgewirbelte Staub auf der Straße ließ das Grau zumindest etwas belebter erscheinen. Die Regierung hatte schon lange kein Geld mehr für diesen Stadtteil, der immer mehr zu verwahrlosen schien.
An einer Straßenecke waren unter einer alten gestreiften Markise, die auch weiter in einen kleinen Raum hineinblicken ließ, ein paar Plastiktische aufgestellt. Das Café, Café Antonio, wie in ausbleichenden Großbuchstaben darüber stand, war der letzte Rest menschlicher Gegenwart, der noch zu erkennen war. Sara hielt den Anblick fest, ein weiteres Stück, das an eine der Wände ihrer Wohnung wandern würde.

Sie setzte sich an einen der Plastiktische. Die dazugehörigen Sessel waren bunt zusammengewürfelt. Überraschend, dass jeder Tisch überhaupt zwei davon besaß. Sie saß mindestens eine Viertelstunde alleine im Raum, ohne das sich eine Menschenseele erkennen ließ. Dann ein Geräusch im Nebenraum. Mit einem unendlich langsam anmutenden Tempo nahm ein alter, gebeugter Mann ein Glas und eine Flasche Limonade aus einem Kasten und stellte sie vor seine einzige Kundin. Er hatte keine Haare mehr auf dem Kopf. Gekleidet war er in ein uraltes Wollhemd. Wortlos drehte sich der Mann wieder um. Die Stille im Café überraschte. Obwohl die mehr oder weniger laute Straße nur wenige Meter entfernt war, war nichts zu hören.
Die Sonne war nun endgültig aus der Wolkendecke hervorgebrochen. Wäre Sara nicht im beschatteten Bereich des Cafés gesessen, sie hätte sie geblendet.
Sara betrachtete die Limonadenflasche. Die Marke wurde schon seit Jahren nicht mehr hergestellt. Beim Öffnen hinterließen ihre Finger Spuren im Staubmantel auf der Glasoberfläche. Sie schenkte ein. Das Getränk war kühl. Und noch genießbar. Limonade verdirbt schließlich nicht.


Der Raum war eingerichtet wie ein Strandcafé. Die Wände waren in einem ehemals sonnengelben Farbton gestrichen, daran hingen Bilder von weiß-blau gestreiften Segelbooten und Muscheln. Verschiedenes Holz herrschte bei den Möbeln und der Bar vor. Daran standen Hocker, bespannt mit rissigem Leder.

Auf dem Boden lag Staub von mehreren Jahren. Er wirkte wie Sand, den das Meer vor langer Zeit angespült hatte, nur um zu vergessen, ihn wieder mitzunehmen. Oder wo er lag.
Die tiefer stehende Sonne, die hereinschien, machte das südliche Bild komplett. In ihren orangen Farbtönen beleuchtet, wirkte das staubige, verlassene Viertel mit dem Café wie ein fremder Ort, ein Planet fern der Erde.

Nachdem Sara ihr Glas geleert hatte, wartete sie noch einige Zeit. Doch der alte Mann war offenbar nicht an einer Rechnung interessiert. Sie legte ein wenig Kleingeld auf den Tisch und verließ das Café. 

Sie befand sich in einer seltsamen Stimmung. Der Nachmittag in diesem Stadtviertel hatte die junge Frau kaum nachdenken lassen. Sie war ruhig gewesen, ruhiger als sonst. Sie war zwar gewohnt dass die Arbeit ihre Gedanken ordnete, sie entspannte. Doch nie hatte sie so wenig an Miro gedacht. Erst jetzt kehrte ihr Geist unwillkürlich zu den gewohnten Sorgen zurück. Was wäre gewesen, wenn sie hart geblieben wäre? Seinen Traum nicht erfüllt hätte?


Die dunkle Wohnung empfing sie wie sonst, kalt und unfreundlich. Sara war noch nie bei Tageslicht heimgekommen. Zumindest nicht, seit sich vor wenigen Monaten alles verändert hatte. Die neueren Bilder an der Wand hingen da wie immer. Unbewegt klebten sie, zwar in überwältigender Anzahl, aber trotzdem kaum fähig, die wenigen älteren zu überdecken. Oder auch nur zu verhindern, dass der Blick zuerst auf die fiel, bei denen sich in ihr noch immer alles verkrampfte. Doch Sara musste sich daran gewöhnen. Daran gewöhnen, dass es zwar die andere Zeit gegeben hatte, doch diese nun vorbei war.

Nach einem kurzen Abendessen hatte sie das Radio aufgedreht. Der eingestellte Sender war der einzige, den sie jemals gehört hatte. Nun nie wieder hören würde. Sie würde die angenehme Stimme des Moderators vermissen. Er hatte nie vom neuesten Klatsch der Prominenten gesprochen. Auch nicht die unangenehme Mainstream-Musik gespielt, die ihre Ohren betäubten. Sie schaltete das Radio wieder aus.

Später in der Nacht hörte Sara den Wind Regenböen gegen das Fenster schlagen. Also doch stürmisch. Sie war erwacht, doch hatte sie nicht das Wetter aufgeweckt. Es war der Traum gewesen. Sie hatte auf dem Dach gestanden, dem Dach vom heutigen Tag. Die Sonne war im Aufgehen, oder war sie gerade gesunken? Sara wusste es nicht mehr. Auf dem von Unkraut durchwachsenen Schotter war sie selbst gegangen, doch nicht alleine. Miro war bei ihr gewesen, gehalten von ihrer Hand. Und der Hund hatte ihn begleitet.


Sara lief durch die Nacht. Der Regen störte sie nicht. Außer ihrer dünnen Jacke hatte sie nur ihre Kappe aus der Wohnung mitgenommen. Beim Hinausgehen war ihr Blick wieder auf die Fotowand gefallen. Zwischen den Aufnahmen, die sie in letzter Zeit von der Stadt, auch auf dem Dach, gemacht hatte, hingen immer noch die alten Fotos. Seit Wochen hatte sie nicht gewagt, sie anzurühren. Aus einem davon hatte Miro sie aus seinen lachenden Augen angeblickt, den jungen Hund auf dem Schoß. Er war glücklich gewesen.

Auf der Straße waren viele Autos unterwegs. Ziemlich viele Leute gingen vorbei, Sonntag Abend, der Spätfilm im Kino war zu Ende. Man starrte ihr nach, wie sie durch den Regen lief. Straßenkinder, weiter vorne, eines mit einem struppigen Hund. Ihre Gedanken waren wirr. „Du, du lebst. Und auf dich passt keiner auf. Das kann nicht sein. Ich bin wie die vergessene Mutter eines Straßenkindes.“ Sie beobachtete im Laufen, wie das Tier vor dem Kind über die Straße rannte. Auf der anderen Seite war ein überhängendes Dach. Es hielt einen Bereich trocken, der als Schlafplatz groß genug war. Das Kind lief so schnell es konnte hinterher, ohne mehr auf den donnernden Verkehr zu achten. „Auf dich passt keiner auf. Und die Autos fahren. Der Hund vor dir. Du läufst blind, und überlebst.“

Dann riss der Verkehrsstrom immer mehr, beinahe vollkommen ab. Der Staub auf den Gehwegen hatte sich in vor Nässe dunklen Schlamm verwandelt. Kein Mensch war mehr zu sehen. In den alten Mietshäusern war für jeden ein Platz, die Nacht trocken zu verbringen. Kaum wusste sie, wo sie war. Dann, das Café. Das alte Krankenhaus. Der Aufgang zum Dach war wie tagsüber unversperrt.


Oben peitschte der Wind wie wahnsinnig auf sie ein. Sie war längst durchnässt, durch eine Lücke in den Wolken war der Mond zu sehen. Das Dach war leer.
Sara blieb stehen. Sie war außer Atem. Trotzdem zwang sie sich, ruhig zu bleiben. Sie ging langsam an den Rand des Daches. Der Schotter war nun nicht mehr weiß. Das Unkraut war schwarz. Sie blickte über den Rand. Weit unten, Autoscheinwerfer. Der Regen wurde plötzlich schwächer, hörte allmählich auf. Es war nun windstill. Der Mond als einzige Lichtquelle beleuchtete in einem kühlen Weiß ihr Gesicht. Ihre Augen waren weit geöffnet. Ihr Körper angespannt. Da zerbrach etwas in Sara. Sie sackte zusammen. Fiel auf die Knie. Und weinte.


"Wortlaut 08" – Kurzgeschichtenwettbewerb fm4
18.12.08 06:32
 


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